Die IG-BCE-Forderungsempfehlung zur Tarifrunde Chemie 2019

Ein Maßnahmenpaket für eine gute Zukunft

Die Uhr im Hintergrund zeigt fünf vor Zwölf. Ein eindeutiges Signal: Es wird Zeit! Wofür, das verrät der stellvertretende IG-BCE-Vorsitzende und Tarifvorstand Ralf Sikorski beim Live-Event in Hannover, mit dem die IG BCE auch in diesem Jahr das erste Ausrufezeichen für die von September an bevorstehende Chemie-Tarifrunde setzt.

© Blitzfang Medien / IG BCE

Im Studio sitzen sie dicht gedrängt, andere verfolgen an den Computern oder per Smartphone die Live-Übertragung des Events. Diesmal hat die IG BCE ein besonders innovatives Paket geschnürt. Ein Forderungspaket, das wesentliche Zukunftshemen der Arbeitswelt adressiert und mit tragfähigen Lösungsvorschlägen versieht: „Wir gehen in dieser Tarifrunde die großen Herausforderungen moderner Industriegesellschaften an: Arbeitsbelastung, Digitalisierung, Demografie“, verspricht Ralf Sikorski. Es sind Themen, die vielen Beschäftigten in der chemisch-pharmazeutischen Industrie auf den Nägeln brennen. Denn der mit Arbeitsverdichtung und neuen Herausforderungen einhergehende technologische und demografische Wandel haben über Jahre dazu geführt, dass die Belastung für das Gros der Beschäftigten stetig gestiegen ist, mitunter bis zum Anschlag.

Diese Herausforderungen will die IG BCE für die 580.000 Beschäftigten in der chemisch-pharmazeutischen Industrie mit Nachdruck angehen. Entlastung, Sicherheit im Alter, Qualifizierung, dazu spürbare Lohnsteigerungen – das sind die Kernelemente eines umfangreichen Zukunftspakets, das die IG BCE in der kommenden Tarifrunde durchsetzen will. Es umfasst die Einrichtung eines individuellen Zukunftskontos, eine Weiterbildungsoffensive zur Begleitung des digitalen Wandels und - gewerkschafts- und branchenübergreifend ein Novum - die bundesweit erste tarifliche Pflegezusatzversicherung. Die entsprechende Forderungsempfehlung für die Tarifrunde 2019 hat der Hauptvorstand der IG BCE einstimmig beschlossen und unter das Motto "Es wird Zeit!" gestellt.

Dass es Zeit wird, davon spricht während des Events nicht nur Tarifvorstand Ralf Sikorski, sondern auch eine vielstimmige Videocollage, in der sich Beschäftigte zu Wort melden. Es sind Menschen in verschiedenen Berufs- und Lebensphasen, mit unterschiedlichen Wünschen und Anforderungen – doch eine zentrale Forderung verbindet alle Statements wie ein roter Faden: Die Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie wünschen sich mehr Zeit. Zeit, über die sie freier verfügen können als bisher. Zeitsouveränität eben.

Darunter etwa die ältere Kollegin, die Arbeit und die Pflege ihrer Eltern unter einen Hut bringen will. Die junge Mutter, die sowohl im Job als auch in der Familie ihre Frau stehen will. Der jüngere Kollege, der die Meisterausbildung anpeilt, dem die Schichtarbeit aber kaum Raum dazu lässt. Ob Karriereplanung, Familienzeit, die Pflege von Angehörigen, das erste Enkelkind, der mit zunehmenden Berufsjahren intensiver werdende Wunsch, kürzer zu treten oder der Übergang ins Rentenalter: Alles hat seine Zeit – und jede Zeit ihre Herausforderungen. Weil jeder, je nach aktueller Lebensphase, Arbeit und Leben ganz individuell ausbalancieren muss, braucht es intelligente Instrumente, die den Beschäftigten Entlastung und den Freiraum bringen, freier über die eigene Lebens- und Arbeitszeit zu verfügen.

Instrumente und Prozente: So lässt sich das Maßnahmenpaket zur anstehenden Chemie-Tarifrunde treffend beschreiben. Denn neben einer angemessenen Lohnerhöhung (O-Ton Sikorski: „Nach sieben Rekordjahren in der Chemie ist ein leichter Abschwung noch längst keine Krise!“), soll das Paket vor allem einen Beitrag dazu leisten, langfristige – und sich absehbar noch verschärfende -Entwicklungen in Arbeitswelt (Digitalisierung, Arbeitsverdichtung, Fachkräftemangel) und Gesellschaft (Demografie, steigende Lebenserwartung und erhöhter Pflegebedarf) frühzeitig abzufedern. Damit Raum und Zeit bleiben: für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Im Einzelnen sieht die Forderungsempfehlung vor:

  • Die Schaffung eines tariflich abgesicherten, persönlichen Zukunftskontos in Höhe von jährlich 1000 Euro, über das jeder Beschäftigte individuell verfügen kann: ob zur Umwandlung in zusätzliche freie Tage oder zum Ansparen auf einem Langzeitkonto – etwa, um in bestimmten Lebensphasen eine längere Auszeit nehmen zu können. Denkbar ist auch die Nutzung des Betrags zur Altersvorsorge oder die direkte Auszahlung. Der Betrag ist tarifdynamisch zu gestalten. Wir wollen die Option „Geld in Zeit“ mit einer maximalen Entscheidungsfreiheit für den Einzelnen verbinden.
  • Eine reale Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen. Die Beschäftigten verdienen ein spürbares Plus. Denn Auslastung, Beschäftigungs- und Auftragslage liegen trotz konjunktureller Eintrübung weiterhin auf hohem Niveau.
  • Die Einführung der bundesweit ersten tariflichen Pflegezusatzversicherung, die bei Eintritt des Pflegefalls die Finanzierungslücke zur gesetzlichen Vorsorge schließt. In einer älter werdenden Gesellschaft steigt von Jahr zu Jahr das Pflegerisiko – und die Ungewissheit, ob man sich die Unterstützung im Fall der Fälle überhaupt leisten kann. Diese tarifpolitische Innovation soll unser Sicherheitsversprechen an die Beschäftigten sein. Für die Branche bietet sie gleichzeitig ein Alleinstellungsmerkmal, ein Plus an Attraktivität im Werben um Fachkräfte.
  • Eine Qualifizierungsoffensive zur Begleitung des digitalen Wandels. Dabei sollen Betriebsräten und Vertrauensleuten besondere Kompetenzen zukommen, damit passgenaue, praxisgerechte Weiterbildungskonzepte entwickelt werden können. Denn sie kennen die Arbeitssituation der Kollegen, ihre Anforderungen und Wünsche am besten.

Die Laufzeit ist abhängig vom Gesamtpaket.

Die Forderungsempfehlung des Hauptvorstands bildet den Beginn der Tarifbewegung in der Chemieindustrie und die Grundlage für die nun folgenden Diskussionen in den Vertrauensleutegremien und Tarifkommissionen der IG BCE. Am 19. September beschließt die Bundestarifkommission die endgültigen Forderungen, am 30. September starten die Gespräche zwischen IG BCE und Arbeitgebern in den regionalen Tarifbereichen. Am 21. Oktober wechseln beide Seiten zu zentralen Verhandlungen auf die Bundesebene.

In der zurückliegenden Tarifrunde hatten sich IG BCE und Arbeitgeberverband BAVC darauf verständigt, Fragen rund um Arbeitszeitsouveränität und Qualifizierung in einer "Roadmap Arbeit 4.0" zu sondieren. Mit der Forderungsempfehlung formuliert die IG BCE nun konkrete Maßnahmen für ihre Umsetzung.

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